Ihr Lieben,

mitten ins „Sommerloch“ schicke ich wohlgemut den aktuellen Gemeindebrief St. Engelbert, diesmal erst heute, am Sonntag, nachdem die Sonne einer wenig verheißungsvollen Bewölkung gewichen ist. Allerdings weiß der geneigte Leser, dass in diesem „Newsletter“ meist noch einiges folg – so auch jetzt. Natürlich saß ich nach der Sonntagsmesse auch heute nicht allein im Pfarrhausgarten, sondern begleitet von einem Buch. Der liebe Gott, so mein Erfahrungs- und Lieblingstitel für den einen und eigentlich nicht zu benennenden Urgrund unseres Seins, hat mir in der allmählich heraufdämmernden letzten Lebensphase die Neugierde und die Kraft geschenkt, eine quasi „Relecture“ [Wiederlesen] meines Theologiestudiums anzustellen – auf der Folie meiner beruflichen und Lebenserfahrung. Das betrachte ich als ein großes Gottesgeschenk. Corona-Zwangspause und Urlaub gaben mir Freiräume dazu. Und Euch / Sie möchte ich empfehlend an meinem Nutzen teilhaben lassen.

Das Buch „Er. Ein Zwiegespräch mit dem Mann, der Jesus erfand“ von Ralf Frisch [JG.1968] begleitete mich in unser katholisches Lesejahr B, bei dem Texte des Maerkusevangeliums im Mittelpunkt der Verkündigung stehen. Das um 70 n. C. entstandene Evangelium, das knapp und essentiell Bezug auf „sein Wissen“ über den historischen Jesus aus Galiläa nimmt und den späteren Evangelisten Matthäus und Lukas zur Verfügung stand, hat mich mich mit seinem Erzählbestand immer schon fasziniert. Was allerdings Ralf Frisch hier versucht, ist absolut spannend. Er stellt einen Dialog mit dem fiktiven Markus an. In elf Kapiteln befragt er den Evangelisten nach dem Menschen, der Lehre und dem Wirken Jesu. Herausgekommen ist die unverstellt offene Suche des Autors nach der bleibenden Bedeutung dieses Jesus. Und das alles in einer uns heute ansprechenden Art und Weise. Mich hat dieses Buch gepackt, mitten in die Zeit der jungen Kirche geworfen und für meine Verkündigung unwahrscheinlich inspiriert.

Ostern war’s!. Vierzig Ostern hatte über Tod und Auferstehung Jesu gepredigt. Doch mir wurde nicht wohler dabei. Die offensichtlichen Widersprüche in den biblischen Texten und immer offener zu Tage tretende Spannungen im Gesamtkontext der Evangelien- und Paulus-Zeugnisse plädierten für ein Update – Auferstehung 2.0 gleichsam. Da kam es mir recht, dass der 1938 geborene Theologe Hans Kessler, der evangelische und katholische Theologie studiert hat, quasi als Summe seiner Forschungen zu Christologie und Auferstehung sein Buch „Auferstehung? Der Weg Jesu, das Kreuz und der Osterglaube“ überarbeitet und in 3. Auflage herausgebracht hat. Es ist außerordentlich spannend, wenn ein Fundamentaltheologe und Dogmatiker seinen Erkenntnisweg von den Bibelwissenschaften her akribisch ableitet und die Leser auf diesen Weg mitnimmt. Und es ist erneut ein Weg mit den Verfassern des Markusevangeliums. Mit abgeklärter Wissenschaftlichkeit geht Kessler schließlich dem Verständnis von „Auferweckung“ und „Leiblichkeit“ nach. Das alles ist m. E. sehr anschaulich und auch für Nicht-Theologen verständlich und gewinnbringend zu lesen. Für mich liest sich dieses Buch als eine persönliche Summe studierter und gelehrter Theologie und gleichzeitig ein gelungenes Ringen um Glauben in christlicher Verkündigungstradition.

Dass mir zum Auftakt des Endes meines aktiven Verkündigungsdienstes  so viele gute und lesenswerte Studienobjekte anheimfallen, macht mich dankbar; ich hoffe, meine Zuhörer:innen ebenfalls.

Einen gesegneten Sonntag voll des „Lebensbrotes“ aus dem Sonntagsevangelium wünsche ich Euch und Ihnen

Michael Clemens, Pastor

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